


Es sieht aus wie Urlaub. Schloss Pfaffroda ist jedoch meine Arbeitstelle. Das Drogenprojekt "Schlossbrücke", ein betreutes Wohnen für Jugendliche vor und nach der Langzeittherapie. Das Bild mit dem Bett und das Bad zeigen meine Kemenade, meine Schlafstatt zu Nachbereitschafts- diensten.Es gibt jeden Tag ein Dienst von 15.00 Uhr bis zum nächsten Tag 8.30 Uhr, ein weiterer Dienst läuft in der Zeit 15.00-22.00, bzw bis 20.00 Uhr. 7.14Uhr- 15.15Uhr sind ein oder zwei Arbeitstrainer vor Ort, montags eine Lehrerin. Dienstags findet sich die Psychologin ein. Am Wochenende haben wir Sozialarbeiter das Vergnügen von 10.00Uhr bis 10.30 Uhr.
Voll belegt bietet die Einrichtung 8 Plätze plus zwei Notplätze, verteilt auf 9 Zimmer, im Normalfall wohnt also jeder Jugendliche allein. Zwei Jungs und ein Mädchenbad, Küche und Aufenthaltsraum, Computerraum und Fitnessraum werden gemeinschaftlich genutzt.


R: hast du ein kaputten Kopfhörer?
L: Ja, brauchst du ein Stecker?
R: Ja.
So ein Bruchteil einer Unterhaltung am Kaffeetisch, Unmengen Kaffee werden in der Einrichtung vernichtet. Eine halbe Kanne allein zum Kaffee trinken nachmittags pro Kopf ist durchaus drin. 15.30 Uhr bis 17.00 Uhr ist die Küche dafür geöffnet, danach gibt es keinen Kaffee mehr, aus eben genanntem Grund. Suchtverlagerung lautet das Stichwort, exzessives Computerspielen, Essen, Nikotion , Energydrinks und Kaffee sind beliebte Mittel die fehlenden illegalen Drogen oder Alkohol auszugleichen.
Abendbrot gibt es 18.30 Uhr, ins Bett gegangen wird 23.00 Uhr(am Wochenende 1.00 Uhr ), mein Dienst endet 24.00 Uhr(bzw 1.00 am WE) und beginnt 5.00 Uhr wieder(am WE 8.00)- wenn ich im Schloss schlafe. Die ersten Jugendlichen verlassen 6.00 Uhr die Einrichtung zur Schule oder Ausbildung. Jugendliche die Arbeitstrainig absolvieren müssen 6.30 Uhr aufstehen und 7.00 am Frühstückstisch sitzen. Wer die Zeiten nicht einhält, erhält Punktabzug. Der Tag ist straff durchstrukturiert und durch ein Punktesystem bewertet. Je nach Punktestand erhält man eine bestimme Phase, je nach Phase dann die Zugeständnisse, wie Ausgang, Handy oder Geld "am Mann", Heimfahrten usw.
Drogentests und Alkoholtests ohne Ankündigung gehören zur Tagesordnung.
Im Zimmer von R., er ist vor einer Woche von 6-monatiger Langzeittherapie zurück gekehrt, staunte ich. Schon auf der Heimfahrt war ich sehr bewegt, ich habe den 17jährigen abgeholt. Vor der Therapie war er bereits 5 Monate im Schloss. In seinem Zimmer sind zwei Plattenspieler, im Regal stehen neben den Lps von den Doors, Dritte, Wahl, Rio Reiser, Ton Steine Scherben uvm Bücher. So u.a. Tolkiens "Herr der Ringe", vereint mit "Harry Potter", "Der Alchimist"und Jack Lodons "König Alkohol" (London hat sich mit 40 Jahren das Leben genommen, er war dem Alkohol, dessen Geschmack er verabscheute, verfallen). An der Wand sind Papiere mit Kreidezeichnungen und Graffitis angepinnt. Neben einem alten Mischpult steht eine Gitarre. Ein bemerkenswerter Mensch. Er litt schon vor dem Drogenkonsum unter Psychosen, nimmt auch jetzt Psychopharmaka- kein Tag wöllte ich mit ihm tauschen.
Fast alle "unsere" Jugendlichen haben Doppeldiagnosen. Sie haben entweder durch den Drogenkonsum psychische Probleme bekommen, die uU lebenslanger Begleiter bleiben werden, oder hatten sie schon zuvor und Drogen waren ein Mittel zur Selbsthilfe.
Die Medikamente werden sicher aufbewahrt und zu festgelegter Zeit ausgegeben und unter Aufsicht eingenommen. Mit Psychopharmaka lässt sich gut dealen.
"Das sind keine normalen Jugendlichen, das sind Kriminelle"
Ein viel gehörter Satz zu Beginn der Arbeit da und auch jetzt gelegentlich als Erinnerung. Sie haben Psychosen, oder waren gar schon im Gefängnis, mehrere Monate in der Psychiatrie, oder lange Zeit im Kinderheim, wurden adoptiert, reißen sich die Haare aus oder ritzen sich oder oder oder...meist stehen verzwickte Biographien dahinter. Die herkunft zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten.
So mancher hatte die Wahl "geschlossne oder Pfaffroda" "Knast oder Pfaffroda". Wir sind einfach oft das geringere Übel..das spürt man dementsprechend im Alltag. Wer nicht wirklich freiwillig da ist muss erst motiviert werden. Und auch wirklich Freiwillige haben es schwer und machen es sich schwer.
Sie sind wirklich nicht "normal"- was ist normal? Ich mag sie trotzdem .
"Kann ich eigentlich mein Auto ruhigen Gewissens stehen lassen unten?" "Klar! im
eignen Nest klaut man nicht"
"Muss ich Angst haben dass du mir eine drüber haust?" "Ich schlage keine Frauen"
(nachdem ein Jugendlicher den Briefkasten mit der bloßen Hand zertrümmert hat,
dem vorraus ging seine Punkteauswertung)
Donnerstag abend ist Gruppenstunde, 20 Uhr. Alle 4 Wochen werden die Punkte ausgewertet. Jeder erhält ein persönliches Ziel und die Gruppe als ganzes ebenso ein Ziel. Das alles fließt neben Pünktlichkeit, Ämtererledigung (z.B. Küchendienst) in die Auswertung mit ein.
Beim ersten Abendbrot in Pfaffroda glaubte ich unter Kannibalen zu sein...schnell und viel- wie das Lebensmuster in der Sucht. Immer auf der Hut ja nicht zu kurz zu kommen. Schneller sein als die anderen, rücksichtslos.
Vorwürfe kommen öfters als Dankeschöns, dafür ist ein Danke jedes Mal Antreib da zu bleiben.
Jedes Einlenken nach aggressivem Verhalten, und wenn es auch nur durch die Körperhaltung ist und die Worte fehlen, ist ein Erfolgserlebnis.
Ein gedeckter Frühstückstisch am Wochenende wenn mans nicht erwartet, ohne Aufforderung eine Tasse Tee bekommen- das sind Punkte die mein Herz tatsächlich ein klein Sprung machen lassen.
Gestern abend lag einer der "Jungs" auf dem Sofa und klagte über Bauchschmerzen- da hat man dann ein Kind vor sich, kein Handtaschendieb der den nächsten Schuss ergaunern muss.
Der größere Teil der Jugendlichen sind stets Jungs, zur Zeit leben 5 Jungs im Alter von 17-22 in der Einrichtung und ein Mädchen von 15 Jharen, ein weiterer junger Mann wird nachbetreut im eignen Wohnraum und ein weiteres Mädchen wird seit 3 Wochen polizeilich gesucht- sie ist ausgerissen.
Mir gefällt mein Job- wenn ich mich auch mehr mit der Thematik Hepatitis jeden Typs und anderen mir befremdlichen Dingen auseinandersetzen musste als mir lieb ist. Ich mag Auto fahren nicht, aber ich habe mich inzwischen sogar an unsere VW- Kleinbusse gewöhnt.
Abendbrotzeit und danach ist Freizeit.
Kurzer Überblick über Phasen und damit verbundene Zugeständnisse(Auszug):
(vor der Therapie ist maximal Phase 2 möglich)
Probephase (ersten 4 Wochen):
kein Zimmerschlüssel, Kontakt nur zur Familie, keine Beurlaubung, Ausgang nur mit Betreuer
Phase 1:
Zimmerschlüssel, Ausgang 1 Stunde mit Jugendlichem der Phase 3/4 möglich
erweitertes Besuchsrecht
Phase2:
Ausgang allein 1h möglich, länger nach Ermessen mit Jugendlichem der Phase 3/4(max bis 21.30Uhr)
1 Wochenendbeurlaubung im Monat, 5 Euro dürfen "am Mann" getragen werden
Phase3:
Taschengeld wird voll ausgehändigt
Ausgang laut Ausgangszeiten möglich (dh WE bis 3.00Uhr bei Völljährigen)
2 Wochenendbeurlaubungen/Monat
Phase4:
siehe Phase 3
3 Wochenendbeurlaubungen/Monat

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